Impressum | Kontakt | Filme bestellen
Startseite

Im Osten geht die Sonne auf (2001)

Leben mit dem FC Energie Cottbus
Eine Saison lang, von August 2000 bis Juni 2001 begleiteten wir die Cottbusser mit der Kamera und zeigen, wie sie mit Sieg und Niederlage umgehen.
 



Seite 1 von 2
1 | 2  


Ein Film von Wolfgang Ettlich

Digi-Beta, 90 Minuten, 16:9, BR

Der Fußballclub Energie Cottbus hat es tatsächlich geschafft - man ist Mitte des Jahres in die deutsche Kicker-Eliteliga, die 1. Bundesliga, aufgestiegen. Nun will die Stadt Cottbus dem sportlichen Triumph auch den wirtschaftlichen Erfolg folgen lassen.

29. Mai 2000: "Energie, Energie... !" skandierten die "Glatzen" auf dem Cottbusser Altmarkt. Dieses Mal richtete sich ihr aggressives Gejohle ausnahmsweise nicht gegen die Ausländer, auf die sie in der Vergangenheit immer wieder und fast ungehindert in der Stadt Jagd gemacht hatten. Nein, dieses Mal war Cottbus aus sportlichen Gründen bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Fast alle der 114 000 Einwohner waren auf die Straße gegangen, um "ihre Energie" zu feiern: Brave Bürger, Fußballfans, Neonazis, Skinheads... Gemeinsam schleppten sie eine schwere Aluminiumstange wie eine Reliquie durch die Stadt: Die demontierte Torlatte des Tores, in das der Cottbusser Spieler VASILE MIRITUA, ein Rumäne, vor einer Stunde den Ball zum entscheidenden 2:0 gegen den 1. FC Köln befördert hatte, hatte längst seine Reise in die Unsterblichkeit begonnen. Miritua, eben noch ein rein für sportliche Zwecke angeheuerter Legionär, dem man sonst mit Distanz und Mißtrauen begegnete, war plötzlich "einer von uns" (Cottbussern) geworden und so ging es auch den anderen Spielern, die den Menschen hier dieses Hochgefühl verschafft hatten.

Für einen langen Tag glich Cottbus´ provinzielles Stadtzentrum einer mallorquinischen Partyzone. Und: Für ein paar Tage zumindest hatte Cottbus seinen Ruf, die ausländerfeindlichste Stadt Deutschlands zu sein, zur Seite gelegt. Mit dem sportlichen Erfolg scheint der Fußballclub Energie die Stadt im südöstlichen Winkel Brandenburgs aus der Isolation geschossen zu haben. Der Underdog, die graue Maus "ist plötzlich wer". Fußball hat in Cottbus so etwas wie einen kollektiven Emotionsstau losgelöst.

Für Oberbürgermeister WALDEMAR KLEINSCHMIDT (CDU) kam dieser Anstoß gerade zur rechten Zeit: "Fußball alleine kann uns zwar nicht retten, aber die Außenwirkung dieses Aufstiegs ist gar nicht hoch genug zu bewerten!" Allenfalls die Bundesgartenschau 1995 hatte einen ähnlichen Imagegewinn verschafft - der dann allerdings rasch durch die Berichte von ausländerfeindlichen Übergriffen schnell wieder braun übertüncht worden war.

Cottbus war immer das Aschenputtel unter den Städten im Osten. Viel mehr als der Zungenbrecher "Der Cottbusser Postkutscher putzt den Cottbusser Postkutschenkasten" war schon den Bürgern der DDR beim Namen Cottbus nicht eingefallen. Und doch gibt es noch heute ein paar nicht zu unterschätzende Attraktionen in der Stadt, wie zum Beispiel das städtische Belle Epoque -Theater mit seinen samtroten Plüschsesseln. Doch die meisten der Gäste, die heute nach Cottbus kommen, sind Fußballfans, die sich nicht um das kulturelle Angebot der Stadt scheren. Sie ziehen mit Tröten und Schals ins Stadion, um dort inmitten Gleichgesinnter "ihre Energie" zu unterstützen.

Oberbürgermeister Kleinschmidt, seit langem Präsidiumsmitglied des Vereins, sieht - ganz Politiker - die Gewinnchancen für Cottbus zunächst ganz nüchtern auf wirtschaftlichem Gebiet. Die sportliche Erstklassigkeit und der damit verbundene höhere Bekanntheitsgrad der Stadt werde bei der Suche nach neuen Investoren für die Region helfen. Konkreter werden die Hoteliers. Ihnen winken zumindest an den Spieltagen deutlich erhöhte Umsätze. Das Gleiche gilt für den Einzelhandel, die Gastronomie, die Souvenirverkäufer usw.

Firmen aus ganz Deutschland planen anlässlich der Begegnungen mit Spitzenteams wie Bayern München, Bayer Leverkusen oder dem Hamburger SV "Incentive-Reisen" nach Cottbus und groß angelegte "Events" mit parallel laufenden Tagungen vor Ort. Der Region mit ihren offiziell 16% Arbeitslosigkeit (die wahre Zahl soll eher irgendwo zwischen 20 und 30% liegen) wird dieser "Hoffnungsfunke" von allen Seiten gegönnt. Durch den starken Arbeitsplatzabbau im Braunkohlebergbau, in Kraftwerken und in der Textilindustrie hat Cottbus viele Einwohner verloren. 1989 - zur "Wiedervereinigung" der beiden Deutschland - wohnten noch 130 000 Menschen in der Stadt, heute sind es nur noch 110 400.

20.07.2001

 

Dateien zum Artikel:

Im Osten geht die Sonne auf - Filmausschnitt



 Film bestellen:  15 € in den Warenkorb

Seite 1 von 2
1 | 2  


zur Übersicht

Lesen Sie auch

Schluss mit den Schulden - Familien in der Insolvenz

Es ist ein Teufelskreis, der sich in der Statistik seit Jahren immer weiter nach oben schraubt: ...

Die Schützes

Einigkeit und Recht und Freiheit
Die Bürger der damaligen DDR hatten im November 1989 große Erwartungen an die Wiedervereinigung D ...

Mutter und Tochter

Geschichten vom Loslassen und Loslösen
Anna sagte, sie würde diesen Abend mit Freundinnen auf eine Party gehen und dort übernachten, die ...

4 Frauen in Rumänien

20 Jahre nach Ceaucescu
Alles ist neu und trotzdem alt - Dieser Vers aus einem bekannten rumänischen Gedicht war im Jahr ...

Das Hotel BISS

Vom Frauengefängnis zum Luxushotel
Vom Frauengefängnis zum Luxushotel Schluss mit den Schulden - Familien in der Insolvenz. Ei ...

Foto-Strecken